Homosexualität | Leben | Opa

Familie // Wenn Opa lieber Männer mag

28/07/2016
Opa und Enkelkind
Februar 1999, es ist Abend und ich sitze in meinem Zimmer und höre meine Eltern meinen Namen rufen mit der Aufforderung nach unten zu kommen. Zig Dinge gehen mir durch den Kopf. Was hab ich denn angestellt? War irgendwas in der Schule oder ist was schlimmes passiert? Naja erst einmal abwarten. Ich komme ins Wohnzimmer und da sitzen beide auf unserem Sofa. Das Sofa mit dem komischen Samtstoff und dem schrecklichen Muster . Beide schauen ein wenig ernst und so langsam bekomme ich ein mulmiges Gefühl im Bauch. Nachdem ich zwischen beiden Platz genommen habe, frage ich direkt ob ich irgendwas verbrochen habe? Doch dem ist nicht so. Die Stimmung ist trotzdem irgendwie total angespannt und merkwürdig und ich höre gespannt der Stimme meines Papas zu.

„Mama und Papa verstehen sich nicht mehr so wie es sein müsste ….. Es funktioniert so einfach nicht mehr …. wir haben uns dazu entschlossen uns zu trennen …. Saskia wir lassen uns scheiden.

In diesem Moment riss es mir wirklich den Boden unter den Füßen weg. Klar hatte ich bemerkt dass beide sich immer öfter stritten und auch dass sie nicht mehr so viel miteinander redeten wie früher aber gleich die Scheidung ??? Ich saß da und mir liefen nur so die Tränen. Meine Familie, wird nie wieder so sein wie früher. Ab jetzt wird es ein -Bei Mama- oder -Bei Papa- geben.
Ich hörte gar nicht mehr richtig darauf was die beiden sagten, denn irgendwie waren alle Geräuschen nur noch dumpf. Doch dann sagte mein Papa plötzlich dass es da noch einen Grund gibt.
„Weißt du, ich muss dir da noch etwas sagen. Also ….. weißt du …. ich bin schwul“
Erst dachte ich ich hätte mich verhört aber nachdem mein Papa mir noch einmal sagte dass er auf Männer steht, fiel mir nur eine Antwort darauf ein. „So lange du nicht meine Sachen anziehst ist das doch nicht schlimm“ Binnen Sekunden war die Situation von angespannt auf locker gewechselt und ich , trotz der schlimmen Nachricht ein wenig fröhlicher. Man merkte meinem Papa die Erleichterung total an , denn was kann schwieriger sein als sich vor seinen Kindern , seiner Familie zu outen. Ich war in diesem Moment , auch wenn ich immer noch sehr traurig war über die Trennung meiner Eltern, so stolz auf meinen Papa. Ich nahm ihn direkt in den Arm , wollte aber trotzdem mit den ganzen Infos erst einmal für mich alleine sein und ging wieder auf mein Zimmer.

Wie werden andere darauf reagieren?

Zwei Wochen ca. hab ich es für mich behalten. Ich habe meinen Freunden zwar erzählt dass meine Eltern sich scheiden lassen, man konnte die Traurigkeit in meinen Augen ja sehen, ich habe aber den EINEN Grund erst einmal für mich behalten. Irgendwann saßen wir dann alle gemeinsam zusammen und ich nutzte die Gelegenheit. Ich machte es kurz und knapp und erklärte, dass meine Eltern sich ja nun scheiden lassen, jedoch nicht nur weil sie sich nicht mehr lieben, nein auch weil mein Papa schwul ist. Stille am ganzen Tisch. Ich wartete auf die erschrockenen und entsetzten Blicke . Doch nichts… ganz im Gegenteil. Die Jungs am Tisch waren noch ein wenig verhalten, während die Mädels schon den ersten Shoppingtripp mit meinem schwulen Papa planten. Doch auch nach kurzer Zeit waren selbst die Jungs nicht mehr so still. Es  kamen fragen auf wie „Aber er hat doch euch“ oder „Hat er deine Mama dann überhaupt geliebt?“ So richtig wusste ich auf die ganzen Fragen selber noch keine Antwort aber ich versuchte es alles ganz verständlich zu erklären.
Das ganze ist nun mittlerweile 17 Jahre her und für mich das normalste auf der Welt. Ich habe nie, nie ein Problem damit gehabt , noch war es mir peinlich. Na und, dann ist mein Papa eben schwul, dann mag er eben lieber Männer als Frauen, ist doch nicht so schlimm. Trotzdem hatte ich einige Fragen, hatte er ja nun Kinder und dazu gehörten eben zwei. Eine davon war eine Frau. Ich habe viele, wirklich viele Gespräche mit meinem Papa geführt und bin ihm so unendlich dankbar für seine absolute Offenheit. Es hat mir teilweise mein Herz zerrissen zu hören, wie schlimm es für ihn teilweise gewesen sein muss, mit einem Geheimnis zu leben, was eigentlich kein Geheimnis sein müsste. Es tat mir leid zu wissen, dass er nicht so leben konnte wie er es gern gehabt hätte. Doch mein Papa hat dass alles mit nur einem Satz in den Hintergrund geschoben.
„Hätte ich dass alles nicht so gemacht, hätte ich heute keine zwei so wundervollen Kinder“
Bildquelle: Lesben- Schwulenverband Deutschland

Offenheit gegenüber den Enkelkindern

Als ich mit Motti schwanger war, haben wir immer wieder rumgewitzelt und gesagt dass sie ja dann Opa und Oma in einem hat oder dass sie bestimmt irgendwann Oma zu ihm sagen wird. Klar das war ein wenig übertrieben aber die Vorstellung war schon witzig. Wer meinen Papa kennen lern, würde nicht  damit rechnen das er schwul ist. Denn einem Schwulen oder einer Lesbe sieht man es halt nicht immer an. Mein Papa ist ein gepflegter , hübscher Mann und ich darf behaupten dass er der coolste Opa Deutschlands ist 😉 
Ich selber habe nie, wirklich nie negative Reaktionen aufgrund der Sexualität meine Vaters mitbekommen und wurde immer mit viel Toleranz überrascht. Ja ich sage überrascht, da es auch in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich ist. Und genau aus dem Grund wollten wir auch, dass Motti und der Mini-Muffin von Anfang an offen und ehrlich erzogen werden was das Thema Homosexualität angeht. Auf die Frage hin , wo denn die passende Oma für Opa ist, haben wir erklärt dass Opa eben keine Frau hat. Opa hatte mal eine Frau, sonst wäre Mama ja nicht da aber die beiden sind eben nicht mehr verheiratet. Opa mag viel lieber einen Mann an seiner Seite haben. Der Mini versteht das ganze noch nicht aber Motti realisiert es so langsam immer mehr. Mein Papa hat momentan keinen Partner , also bekommen die Mädels es nicht direkt mit aber wir versuchen immer mal wieder so viel wie möglich zu erklären. Auch wenn sich irgendwo Frau & Frau oder Mann & Mann küssen, ist der erste Blick von den Mädels erst komisch aber nach kurzer Erklärung völlig entspannt. Auch gegenüber ihren Freunden sind wir dabei vollkommen ehrlich. Unser Freundeskreis weiß dass mein Papa schwul ist und auch da sind alle vollkommen locker mit umgegangen. Ich hoffe natürlich dass wenn die Mädels älter sind, sie genau so locker damit umgehen wie wir und stolz auf ihren Opa sind. Aber davon geh ich aus. Und sind wir mal ehrlich, was gibt es denn cooleres als einen hübschen, schwulen Opa 😉
Ich finde es einfach wichtig das unsere Kinder mit diesem Thema groß werden und es für normal empfinden. Denn leider gibt es immer noch Menschen auf unserer Welt die es als krank oder auch abartig betiteln und Homosexuellen am liebsten jegliche Chancen auf ein schönes Leben nehmen möchten. Jeder Mensch sollte die Möglichkeit bekommen glücklich zu sein und geliebt zu werden und das egal ob Mann, Frau, schwarz oder weis. 

Vater-Tochter-Verhältnis

Das mein Papa und ich ein sehr gutes Verhältnis haben, hab ich glaube ich schon des öfteren erwähnt und gerade die Trennung und die ganze Zeit danach haben uns sehr zusammen geschweißt. Ich habe in meinem Papa nicht nur einen Papa. Ich habe in ihm ein guten Freund, einen Seelentröster, einen der mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück holt und einen der besten Menschen an meiner Seite. Er ist für mich ein Vorbild in Sachen Selbstbewusstsein und ich beneide ihn einfach unendlich für seinen Mut. Den Mut dazu, seinen Weg zu gehen, auch wenn man dadurch vielleicht einem Menschen der einem nah steht verletzen könnte. Aber auch das gehört zum Leben dazu und gewisse Wege muss man einschlagen um irgendwann an das richtige Ziel zu kommen.
Vater und Tochter
 
Papa ich liebe dich. Ich bin stolz deine Tochter zu sein und mehr als dankbar dafür , dich an meiner nein unserer Seite zu haben. Sei du auch stolz auf dich. Darauf dass du den Mut hattest , dass was dich Jahre lang gequält hat auszusprechen um endlich das Leben leben zu können was dich glücklich macht. 
 
Deine Saskia
 
 

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